Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz

24 08 2008

 

Carlo Fruttero, 1926 geboren, und Franco Lucentini, 1920 geboren und 2002 gestorben, sind berühmt geworden durch ihre gemeinsam verfassten Bestseller, die Kriminalistik, Romanze und Satire verbinden.

 

Inhalt:

  Im Flugzeug nach Venedig sehen sie sich zum ersten Mal, der Reisebegleiter Mr. Silvera, der einer bunt gemischten Reisegesellschaft die Schätze der Stadt zeigen soll,  und die römische Principessa, die im Auftrag eines Auktionshauses zur Begutachtung einer venezianischen Gemäldesammlung unterwegs ist. Ein Lächeln von ihm und ein „Ah…“ bleibt ihr in angenehmer Erinnerung. Später trifft sie ihn unverhofft auf ihrem Rundgang durch Venedig. Er, der seine Reisegruppe aus unerklärlichen Gründen nicht mehr nach Korfu begleitet, steht plötzlich vor ihr und zeigt ihr auf seine charmante, aber auch etwas unergründliche Art und Weise ein anderes Venedig. Vieles weiß er zu erzählen und zu zeigen. Auch wenn dieser Mr. Silvera ihr viele Antworten schuldig bleibt (immer wieder seine geheimnisvollen „Ah’s“), entsteht eine zärtliche Liebesbeziehung.

 

  Jedoch wer oder was ist er wirklich? Woher wusste er, dass der Kreuzgang von Santo Stefano von Pordenone mit Fresken ausgemalt war und warum war er so überrascht, als er bemerkte, dass diese nicht mehr vorhanden sind, da sie bereits 1965 abgenommen worden sind? Auch bei der Begutachtung der Kunstsammlung tauchen immer wieder Fragen auf: Warum wusste er, dass das eine Bild eine Fälschung war, woher kannte er den auf diesem Bild Porträtierten? Findet hier ein Kunstbetrug statt, ist er darin involviert?

 

  Der Höhepunkt findet bei einem feierlichen Dinner einer venezianischen Gesellschaft statt, dort beobachtet die Principessa, wie „ihr“ Mr. Silvera der Gastgeberin mehr Beachtung schenkt als ihr. Was hat er ihr Geheimnisvolles zu erzählen, dass die Herrin des Hauses auf all ihre anderen Gäste vergisst und …

 

  Ende wird nicht verraten ….

 

 

Zitat: Seite 71

So also, auf die scheinbar harmloseste Weise der Welt, ohne dass irgend etwas auf einen außergewöhnlichen Zufall, auf ein „Zeichen“, auf einen besonderen Wink des Schicksals hindeutete, so also sah ich ihn wieder.
  Er stand unverzüglich auf, mit einer schattenhaft leichten Verbeugung und einer kaum angedeuteten einladenden Geste (alle seine Bewegungen, aber das bemerkte ich erst später, hatten etwas gleichsam im Werden Begriffenes, Unvollständiges, von dem man nicht wußte, ob es für etwas eben erst Begonnenes oder schon zu Ende Gehendes, Schwindendes symbolisch war).
  „Haben Sie einen Platz gesucht?“ fragte er auf italienisch. Er war einige Meter von mir entfernt und schien mitten unter den sitzenden Leuten wirklich sehr, sehr groß.
  „Aber sollten Sie nicht in Korfu sein?“ fragte ich ihn, ohne mich zu rühren.
  „Ah“, sagte Mr. Silvera.
  Manchmal denke ich, dass ohne dieses „Ah“, ohne sein ganz besonderes, halb ausweichendes, halb bedauerndes „Ah“, gar nichts geschehen wäre. Und in meinen würdelosesten Augenblicken habe ich versucht, es vor einem Spiegel nachzumachen: den Ton, aber auch den lagunenhaft verschwommenen Blick, das unmerkliche Hochziehne der Augenbraue, die leichte Drehung der Hand, dies begleiteten. Ah …
 

Der Roman ist in der Ich-Erzählform geschrieben, und zwar mit den Augen der Principessa, wobei am Anfang die Zeit des Mr. Silvera, die er alleine verbringt, so beschrieben wird, wie sie es annimmt. Es ist eine Liebesgeschichte ohne Kitsch, hat aber auch leichte Ansätze eines Krimis, ist geheimnisvoll und hat ein überaus überraschendes Ende. Das Buch überrascht mit einer feinsinnigen Sprache, die mich verleitet, immer wieder mal ein Kapital nochmals zu lesen.

… und es spielt in Venedig, meiner Lieblingsstadt, ich brauche nur die Augen zu schließen, um mit der Principessa und ihrem Mr. Silvera durch diese Stadt zu wandeln.





Pusteblume

24 08 2008

Wenn im Frühjahr die Wiese langsam gelb zum Leuchten anfängt, so ist daran mein heißgeliebter Löwenzahn schuld. Als Kind war es für mich die Butterblume. Auch heute noch freue ich mich über dieses herrlich kräftige Gelb. Aber ganz sehnsüchtig warte ich auf die Zeit, wenn der Löwenzahn zur Pusteblume wird. … und wehe, es wagt jemand, sich dieser wunderbaren Pracht mit dem Rasenmäher zu nähern, da werde ich dann fast zu einer „Furie“.

Bei jedem Schritt durch die Wiese, bei jedem leisen Windhauch, ein leichtes Pusten, und schon fliegen die einzelnen Samen in alle Richtungen davon. Ich blicke ihnen nach, manche von ihnen lassen sich bald wieder nieder, auf der nächsten Blume, auf den Sträuchern und Bäumen, manche jedoch fliegen höher und überwinden den Zaun, die Straße und wer weiß was noch.

In Gedanken folge ich ihnen über die Stadt hinaus, entlang von Straßen und Bächen und Feldern, in weite Ferne, vielleicht in den Norden zu den Alpen, dort wo noch Schnee liegt oder in den Süden Richtung Meer. Mit dem Löwenzahn-Samen verreise ich überall dort hin, wo es mich hinzieht. Mit ihnen kann ich so herrlich träumen und auf allen Plätzen verweilen, sie bedeuten Freiheit und Lebensgefühl, Beginn und Ende, jedoch bilden sie einen Kreis, so dass das Ende wieder ein neuer Anfang bedeutet.

Löwenzahn ist eine einfache Blume, doch mit ihrer Schönheit als Pusteblume kann sie es mit jeder noch so stolzen und teuren Rose aufnehmen.